Zurück

ID: 897 (Conflict of Interest: K)

Keynote Lecture: Die Gottebenbildlichkeit des Chirurgen: philosophisch-theologische und medienwissenschaftliche Betrachtungsweisen

K.Witzel
Minimal Invasiv Center, Hünfeld

Einleitung

Der Chirurg wird medial als Herr über Leben und Tod dargestellt. Die Arbeit des Chirurgen ist geheimnisvoll und findet für die Öffentlichkeit im Verborgenen statt. Chefvisite und die OP-Vorbereitung gleichen aber auch in der Realität einer Liturgie. Die klassischen eschatologischen Fragen nach Schicksal, Überleben und Tod sind gleichzeitig auch die spannendsten Inhalte mit der größten Fallhöhe für die Rezipienten von Arztserien. Die gottgewollten Ebenbildlichkeit scheint somit im Chirurgen in besonderer Weise zu Tage zu treten. Die sich daraus ergebenden Erwartungen können die Chirurgen im tatsächlichen Leben jedoch nicht erfüllen – oder doch?

Material und Methoden

162 chirurgische Patienten und 53 Fachärzte für Chirurgie wurden standardisiert zu ihrem Konsum von Arzt- und Krankenhausserien und zur Einschätzung ihres Bildes von Ärzten befragt. Parallel erfolgte eine standardisierte Stichwort-Literaturrecherche zu „Gottebenbildlichkeit“ und „Heilung“ in den elektronischen Zeitschriftenbibliotheken (EZproxy) der PMU Salzburg in den Themenfeldern „Philosophie“, „Soziologie“ und „Theologie“.

Ergebnisse

Der Kerngedanke der christlichen Anthropologie ist die Auffassung, dass Gott den Menschen nach seinem Bild erschuf. Diese Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen wirkt in einer weitgehend säkularisierten Welt befremdlich. Ärzte und Chirurgen insbesondere in ihrer Rolle als Herren über Leben und Tod scheinen eine Ausnahme darzustellen. Chirurgen genießen unter allen Berufsbildern und auch Arztgruppen das höchste Ansehen. Sie sind in Arzt- und Krankenhausserien die häufigsten Protagonisten und werden oft als Helden dargestellt. Eigene Studien zeigen, dass bereits die mediale Kultivation chirurgischer Patienten zu einer signifikant größeren Angst vor der Operation und zur Verzerrung des Bildes vom Chirurgen führt. Wer also, wenn nicht der medial so wahrgenommene Chirurg, entspräche nach unseren allgemeinen Vorstellungen dem Klischee des Halbgotts in weiß als Ebenbild Gottes.

Schlussfolgerung

Chirurgen können auf die durch Patienten und Medien herbeigeführte Überhöhung ihrer Rolle mit dankbarer Akzeptanz reagieren. Die göttliche Freiheit ist jedoch mit ebenso großer Verantwortung verbunden. Als Konsequenz müssen sich Chirurgen vollumfänglich ihrer Autonomie stellen und ihre Gewissensfreiheit im Sinne der Patienten nutzen. Dieser Beitrag soll bewusst auf der Basis medienwissenschaftlicher Analysen und philosophischer Exegese ungewohnte Impulse zum Selbstverständnis des Chirurgen in seinem Gesamtbild geben.